Deutschland startet mit hohem Sieg ins Turnier

53:37 im ersten Gruppenspiel gegen Finnland – IWRF-Präsident Bishop eröffnet Rollstuhlrugby-Europameisterschaft in Koblenz

Koblenz. Gute Stimmung in der Koblenzer Conlog Arena auf dem Oberwerth: Nach der Eröffnung der Rollstuhlrugby-Europameisterschaft durch Weltverbands-Präsident John Bishop gewann die deutsche Mannschaft ihr erstes Gruppenspiel nach einigen Startschwierigkeiten gegen Finnland mit 53:37.

„Es hat etwas gedauert, bis wir ins Spiel gefunden haben“, meinte Cheftrainer Christoph Werner. Zwei Minuten vor der Halbzeit ging das deutsche Team durch ein Penalty-Goal erstmals in Führung (19:18), in der Folge bauten die Finnen ab. „Das lag natürlich auch daran, dass wir hier nur mit sieben Aktiven antreten konnten“, erklärte der finnische Coach Jussi Immonen. Bereits im ersten Viertel hatten die Finnen alle vier Timeouts verbraucht. Da konnte sich der bullige Jukka Parvianen noch so sehr abmühen, den tapferen Finnen ging mehr und mehr die Kraft aus. Zwei ihrer Spieler waren vor Turnierbeginn von den Klassifizierern suspendiert worden, ihr Fehlen machte sich bemerkbar. Auf der anderen Seite konnte Coach Werner aus dem Vollen schöpfen und zu Beginn des zweiten Viertels eine ganz neue Linie („Das war so abgesprochen“) aufs Feld schicken. „Die Bank hat einen tollen Job gemacht“, wies Werner auf eine gute und ausgeglichene Besetzung hin. Er weiß aber auch: „Mit den Schweden wartet eine ganz andere Hausnummer auf uns.“

Mit einer stimmungsvollen Feier war vor dem deutschen Spiel die EM offziell eröffnet worden. Von der Video-Leinwand grüßte Bundesinnenminister Thomas de Maizière, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS), Friedhelm Julius Beucher, lobte die „Frauenpower pur“ in Person von Britta Kripke im deutschen Team und verwies auf 40 Rollstuhlrugby spielende Frauen in Deutschland, und IWRF-Präsident Bishop betonte, dass erstmals eine Europameisterschaft – insgesamt war es Nr. elf – in Deutschland ausgerichtet wurde. In einem Show-Act zur Auflockerung bewies der in Koblenz lebende Kunstrad-Weltmeister Jens Schmitt den zahlreichen Zuschauern, dass er mit dem Rad noch besser umgehen kann als die meisten Rugbyspieler mit ihrem Stuhl.

Bereits vor der Eröffnung war das Turnier mit einer spektakulären Begegnung in die Gruppenspiele gestartert. Im Aufeinandertreffen der beiden deutschen Vorrundengegner Schweden und Frankreich setzten sich die Skandinavier, EM-Finalist 2015, durch ein Tor 3,7 Sekunden vor Schluss mit 48:47 gegen den EM-Fünften Frankreich durch. „Ich bin sehr glücklich“, freute sich Schwedens kanadischer Coach Benoit Labreque, „jetzt schlagen wir noch Deutschland und stehen im Halbfinale.“ Sein französischer Kollege Olivier Cuisin, dessen Team für den deutschen Cheftrainer Christoph Werner der Geheimfavorit dieser EM ist, ärgerte sich über zwei umstrittene Schiedsrichter-Entscheidungen im Schlussviertel. „Das Penalty-Goal hat nahm uns die Chance auf eine Verlängerung“, spielte er auf die Szene kurz vor Schluss an, als Frankreich nach hartem Einsatz des überragenden schwedischen Highpointers Tobias Sandberg gegen Jonathan Hivernat ein Tor zum 47:47-Ausgleich  zugesprochen wurde – allerdings auf Kosten der Chance, die Zeit voll auszuspielen. Somit hatten die Schweden für ihren letzten Angriff noch 11,4 Sekunden auf der Uhr, und die nutzten sie durch Tomas Hiert zum Siegtor.

„Es war das Eröffnungsspiel dieser Titelkämpfe, davor hatten wir ziemlichen Respekt“, erklärte Labreque den frühen Rückstand (2:5), „außerdem sind die Franzosen für ihre starke Eröffnungsphase bekannt.“ Mit ihrer Zonenverteidigung bereiteten sie den Schweden zunächst einige Schwierigkeiten. Aber dann, so Coach Labreque, habe man ein paar taktische Kleinigkeiten geändert sowie einen Wechsel (Alvarez für Hildebrand) vollzogen. Frankreichs Vorsprung schmolz auf 13:12 nach dem ersten Viertel. Es entwickelte sich ein hochklassiges Duell, in dem sich französische Gewandheit und skandinavische Routine die Waage hielten. Stefan Jansson brachte sein Team nach 4:34 Minuten des zweiten Viertels erstmals in Führung (21:20), dieser Vorsprung wurde bis zur Halbzeit auf zwei Tore ausgebaut (27:25). Frankreich schaffte zwar noch den Ausgleich zum Ende des dritten Viertels (37:37), geriet in der dramatischen Schlussphase aber eine Minuten vor Schluss vorentscheidend in Rückstand (47:45).

In der B-Gruppe setzten sich am ersten Spieltag wie erwartet die Favoriten durch. Dänemark kam gegen technisch und fahrerisch unterlegene Iren zu einem 57:42-Sieg, anschließend bezwang Titelverteidiger und Turnierfavorit Großbritannien die Polen noch deutlicher mit 57:32. „Wir waren zu Beginn etwas nervös“, meinte Dänen-Coach Jason Regier, der sich vor allem über die gute Leistung seiner neuen Spieler im Team freute. Man habe das Tempo immer hochgehalten, was schließlich zu einem klaren Ergebnis führte. Der britische Trainer Paul Shaw gab zu bedenken: „Wir wussten nicht, wie die Polen einzuschätzen sind.“ Immerhin steige das Niveau der Titelkämpfe von Jahr zu Jahr – wer bei einer EM spielt, kann  so schlecht nicht sein. Shaw war besonders zufrieden damit, wie sein Team das umgesetzt habe, „was wir in dreimonatiger Vorbereitungszeit trainiert haben.“

Quelle: Thomas Wächtler

Foto: © 2017 Oliver Kremer | http://www.pixolli.com

KOBLENZ, GERMANY – JUNE 27: Highpointer Jens Sauerbier (12) (Biederitz) of the German National Wheelchair Rugby Team [classification: 2.0 points] falling over while fighting for the ball at the IWRF Division A Wheelchair Rugby European Championship 2017 during the game between Sweden and France – Location: Conlog Arena June 27, 2017 in Koblenz, Germany (Photo © 2017 Oliver Kremer | http://www.pixolli.com)

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