Deutschland verpasst das Halbfinale

Es bleibt dabei: Keine Medaille für die deutsche Rollstuhlrugby-Nationalmannschaft seit 2009 bei internationalen Top-Veranstaltungen. Durch eine 47:59-Niederlage gegen Frankreich im letzten Gruppenspiel der Europameisterschaft in Koblenz verpasste das deutsche Team das Halbfinale sowie die direkte Qualifikation für die WM nächstes Jahr in Sydney. „Wir haben uns von Anfang an den Schneid abkaufen lassen“, zeigte sich Cheftrainer Christoph Werner enttäuscht. „Frankreich war eine Klasse besser.“ Jetzt heißt es, früh aufzustehen: Statt in der Vorschlussrunde gegen Champion Großbritannien geht es in der Platzierungsrunde am Freitag bereits um 11 Uhr gegen Außenseiter Irland.

Die Begegnung mit den Franzosen begann für den EM-Gastgeber schlecht und setzte sich nicht besser fort. Nach Turnover und Strafzeit für Artur Bertram hieß es früh 0:2. Werner: „Wir hätten besser ins Spiel kommen müssen, so war es ein perfekter Start für die Franzosen.“ Von da an lief die deutsche Mannschaft permanent einem Rückstand hinterher, der sich stetig vergrößerte: 9:14 nach dem ersten Viertel. „Wir haben kaum eigene Fehler gemacht und den Gegner ständig unter Druck gesetzt“, erklärte Frankreichs Coach Olivier Cuisin. Das Team von Christoph Werner fand kein Mittel gegen das sichere Spiel des Gegners, „die Highpointer Hivernat und Salegui waren zu stark“, so der deutsche Coach. Zur Pause hieß es 22:28, Mitte des dritten Viertels war der Rückstand auf schier unaufholbare zehn Tore angewachsen (30:40). „Das ist Kopfsache“, stellte Coach Werner fest, „denn die Kondition hat gestimmt und die Taktik war klar.“ Wenig überraschend, dass er „einen kleinen Generationswechsel“ ankündigte: „Ich habe schon in der zweiten Halbzeit die jüngeren Leute eingesetzt.“

Die Platzierungsrunde darf vom deutschen Team nicht auf die leichte Schulter genommen werden. „Wir können sogar noch absteigen“, warnte Werner. Wenn Irland geschlagen wird, hieße der nächste Gegner am Samstag (11.45 Uhr) im Spiel um Platz fünf Finnland oder Polen. Pikant: Christoph Werner war einmal polnischer Nationalcoach.

Am letzten Gruppenspieltag hatten sich zuvor in einem torreichen Spiel – 103 Treffer gab es bis dahin nur bei der deutschen 48:55-Niederlage gegen Schweden – ebendiese Schweden in Pool A durch ein 62:41 gegen Finnland den Gruppensieg gesichert. Es war ein ungleiches skandinavisches Derby. Der EM-Finalist 2015 konnte es sich leisten, in Hälfte zwei zahlreiche schwächere Spieler zum Einsatz zu bringen. Ganz anders Finnland mit lediglich sieben Akteuren im Aufgebot. „Unsere Bank ist einfach zu schwach besetzt für dieses Turnier“, bestätigte Finnen-Coach Jussi Immonen, der dennoch seine Zuversicht nicht verlor: „Bei der Heim-EM vor zwei Jahren kamen wir auf Rang acht, diesmal wollen wir uns um zwei Plätze verbessern und Sechster werden.“ Dafür braucht´s allerdings im zweiten Spiel der Crossover-Phase des Turnieres am Freitag einen Sieg gegen die Polen, die sich den dritten Platz in der Gruppe A durch ein 50:42 gegen Irland sicherten. Polen leistete sich allerdings vor allem in der ersten Halbzeit (21:20) einige Leichtsinnsfehler und wurde seiner Favoritenrolle erst nach der Pause gerecht.

Ihren souveränen Marsch durchs Turnier setzten die Briten mit dem 60:47 gegen stärker eingeschätzte Dänen fort und sicherten sich Rang eins in Gruppe B. Die Entscheidung in dem vorletzten Gruppenspiel, in dem der Torrekord auf 107 gesteigert wurde, fiel wie schon bei anderen Begegnungen in der zweiten Hälfte des dritten Viertels. „Von da an waren wir dominierend“, meinte Briten-Trainer Paul Shaw, „aber an dem, was wir in Halbzeit eins gezeigt haben, muss noch gearbeitet werden.“ Solange bei Dänemark die Konzentration reichte, war es eine enge Kiste, den 27:29-Rückstand zur Halbzeit glichman sogar direkt nach Wiederbeginn aus. Aber dann häuften sich beim EM-Dritten von 2015 die Fehlpässe, vor allem in der Spieleröffnung, und Europameister Großbritannien nutzte seine Turnovers zu einem komfortablen und entscheidenden Zehn-Tore-Vorsprung in der letzten Drittelpause (36:46). „Mir ist es egal, gegen wen wir im Halbfinale spielen“, konterte Shaw die Frage, ob er in Vorschlussrunde einer Wiederholung des letzten EM-Endspieles Großbritannien vs. Schweden aus dem Weg gehen wollte. Dazu kommt es am Freitag nicht, die Schweden trefffen im letzten der beiden Halbfinalspiele in einem nordischen Duell auf die Dänen, den Zweiten der B-Gruppe. Im zweiten Halbfinale spielt Großbritannien gegen die Franzosen, der Trainer Cuisin sieht „eine 40:60-Chance.“

Quelle: Thomas Wächtler

Foto: Karol Malec

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